Auf Okinawa gehörten Karate und Kobudo immer zusammen. Wer nur Karate übt, kennt die halbe Tradition. Die Budo Akademie München unterrichtet beides – in einer Tiefe, die in München einzigartig ist.
Was ist Kobudo?
Kobudo (古武道 – „Weg der alten Kampfkunst") bezeichnet die traditionellen Waffentechniken Okinawas. Die Wurzeln reichen ins 15. Jahrhundert: Das Tragen von Waffen war der Bevölkerung der Ryūkyū-Inseln streng verboten. Ronin und Piraten nutzten dieses Machtgefälle. Die Antwort der Okinawaner war pragmatisch – sie verwandelten die Werkzeuge ihres Alltags in Kampfmittel. Langstäbe, Handsicheln, Bootspaddel, Dreschflegel. Bauern- und Fischergerät.
Auf Okinawa galt daher der Grundsatz:
„Voraussetzung dafür, ein guter Karateka zu sein, ist das Beherrschen der Kobudo-Waffen."
Als Funakoshi Gichin 1922 Karate von Okinawa nach Japan brachte, verlor Kobudo auf dem Weg dorthin zunehmend seinen Platz. Was auf der Insel selbstverständlich zusammengehörte, wurde auf dem Festland getrennt. Das Sportkarate ohne Waffe setzte sich durch. Die Tradition der Waffentechniken wäre fast verschwunden.
Die Linie des Matayoshi-Ryu Jinbukan
In der Budo Akademie München wird Matayoshi-Ryu Jinbukan Kobudo praktiziert. Eine der bedeutendsten Kobudo-Schulen Okinawas – mit einer direkt überlieferten Linie über mehrere Generationen.
Matayoshi Shinko (ca. 1888–1947)
Den Anfang der Linie bildet Matayoshi Shinko. Er erlernte Kobudo bei mehreren Meistern auf Okinawa: Agena Shokuko lehrte ihn Bo, Sai, Eku und Kama; Irei Chōfu vermittelte Nunchaku und Tunkwa. Reisen nach Mandschurei und Shanghai ergänzten sein Wissen – Messerwerfen, Lassotechniken, Tinbe und Surujin. Shinko verband verschiedene Stränge zu einem System, das er an seinen Sohn weitergab.
Matayoshi Shimpo (ca. 1921–1997)
Shimpo Matayoshi führte das Werk seines Vaters fort. Er unterrichtete im Kodokan – „Halle des Lichts" (光道館), benannt zu Ehren seines Vaters Shinko (真光 = Wahres Licht) – in Naha, Okinawa. Shimpo verband die Lehren seines Vaters mit dem Kata-Repertoire von Taira Shinken und baute eines der umfassendsten Kobudo-Systeme auf. Zeitlebens leitete er die zentrale Kobudo-Vereinigung Okinawas.
Kanei Katsuyoshi (1941–1993) – Gründer des Jinbukan

Kanei Katsuyoshi, einer der besten Schüler von Matayoshi Shimpo, gründete 1967 das Jinbukan Dojo in Chibana, Okinawa. Der Name bedeutet: Jin (神) = das Erhabene / Heilige, Bu (武) = Kampfkunst, Kan (館) = Halle. Halle der erhabenen Kampfkunst.
Kaneis wichtigste methodische Leistung: Er entwickelte das systematische Hojo-Undo-Programm – Grundübungen, die schwierige Kata-Techniken isoliert trainierbar machen, bevor sie in den Gesamtfluss der Form eingebettet werden. Diese didaktische Innovation prägt das Jinbukan-System bis heute. Kanei Katsuyoshi verstarb 1993 im Alter von 52 Jahren plötzlich.
Die Linie in Deutschland: Hanshi Measara Jamal und Kyoshi Werner Bachhuber
Hanshi Measara Jamal (9. Dan Kobudo, 10. Dan Karate) war ein direkter Schüler von Kanei Katsuyoshi. Er kam 1980 nach Deutschland und brachte Jinbukan Kobudo nach Europa. Gemeinsam mit Kanei gründete er den International Okinawan Kobudo Kyokai-Verband (IOKK). Seine Budo Akademie Kelheim ist heute eine der wichtigsten Kobudo-Schulen in Europa.
Kyoshi Werner Bachhuber (5. Dan Jinbukan Kobudo, Sei Shihan) steht in direkter Schülerlinie dieser Tradition. Als Beauftragter für SOK Kobudo im BKB und A-Prüfer DKV prüft er Kobudo-Kandidaten im gesamten deutschen Verband.
Die vollständige Abstammungslinie
| Agena Shokuko · Irei Chōfu · Kingai | Okinawa / Mandschurei / Shanghai – Lehrer von Shinko |
| Matayoshi Shinko (ca. 1888–1947) | Begründer des Matayoshi-Ryu |
| Matayoshi Shimpo (ca. 1921–1997) | Kodokan Naha, Leiter der okinawanischen Kobudo-Vereinigung |
| Kanei Katsuyoshi (1941–1993) | Gründer Jinbukan Dojo 1967, Chibana, Okinawa |
| Hanshi Measara Jamal (9. Dan Kobudo) | Deutschland ab 1980, DKV-Beauftragter SOK Kobudo |
| Kyoshi Werner Bachhuber (5. Dan Kobudo) | Budo Akademie München, Sei Shihan, A-Prüfer DKV |
Ergänzend: Kanei Hitoshi (Sohn des Kanei Katsuyoshi) leitet heute die Kokusai Okinawa Kobudo Kyokai (KOKK) auf Okinawa.
Die Waffen des Jinbukan
Jede Waffe hat eine eigene Logik. Eine eigene Körpermechanik. Wer Bo lernt, lernt danach Sai – und entdeckt, dass sich dieselbe Abwehr völlig anders anfühlt. Im Jinbukan werden folgende Waffen systematisch unterrichtet:
Bo (Langstock)
Der Bo ist 182 cm lang – sechs Shaku – und besteht aus Eiche oder Rattan. Die erste Waffe, die jeder im Jinbukan-System lernt. Der Bo lehrt Hebelkräfte, Griffwechsel an beiden Enden und räumliches Bewusstsein auf einem Radius von fast zwei Metern. Drei Gruppen Hojo-Undo-Grundübungen (Dai Ichi bis Dai San) bauen das Fundament, bevor die Kata beginnen.
Tunkwa (Tonfa)
Kurzer Polzstock mit seitlichem Griff – das Vorbild für den modernen Polizeistock. Die Tunkwa wird als Unterarmverlängerung geführt: Schläge entstehen aus schnellen Rotationsbewegungen des Unterarms. Ein ungewohnte Mechanik, die sich mit Bo-Erfahrung schneller erschließt als ohne.
Sai (Dreizack)
Eine Metallwaffe mit drei Zinken. Kein Schneidwerkzeug – ein Parier- und Schlagstab. Das Sai kann stechen, blocken, gegnerische Waffen einfangen und den Unterarm schützen. Es erfordert starke Handgelenke und schnelle Griffwechsel zwischen Stoßrichtung und Blockrichtung. Im Jinbukan ab 4. Kyu eingeführt.
Nunchaku
Zwei gleichlange Stäbe, verbunden durch Kette oder Schnur. Kein Anfängergerät. Im Jinbukan-System wird das Nunchaku erst ab 1. Kyu eingeführt – und zunächst mit einem Handtuch trainiert. Die Fangübungen (Hojo Undo) machen die Koordinationsanforderungen deutlich: Acht verschiedene Fang- und Schwungkombinationen, bevor die Kata beginnt.
Eku (Paddel)
Ein Bootspaddel. Geführt wie ein schwerer Bo, aber mit einem breiten, asymmetrischen Kopf. Historisch nutzen Okinawas Fischer das Eku als Waffe – die Besonderheit: Die Paddelfläche konnte Sand vom Ufer aufwirbeln und in Richtung Gegner kehren (Sunakake-Technik).
Kama (Sichel)
Landwirtschaftliche Handsicheln, paarweise geführt. Scharf. Für Fortgeschrittene. Die Kama kombiniert kurze Reichweite mit präzisen Schnitttechniken und erfordert ein hohes Maß an Körperkontrolle.
Jo (Kurzer Stab)
128 cm lang – deutlich kürzer als der Bo. Der Jo ermöglicht kürzere Distanzen und schnellere Griffwechsel. Jo No Kata gehört zum Nidan-Curriculum.
Weitere Waffen (fortgeschrittene Grade)
Ab Dan-Niveau kommen Nunti (S-förmiger Dreizack am Bo), Tekko (Metallhandschutz), Surujin (Steinschleuder) und Tinbe (Schild mit Kurzspeer) hinzu. Diese Waffen bleiben dem fortgeschrittenen Studium vorbehalten.
Das methodische System: Hojo Undo und Kata
Kanei Katsuyoshi entwickelte für jede Waffe ein Hojo-Undo-Programm (補助運動 – ergänzende Grundübungen). Die Idee: Schwierige Kata-Techniken werden zunächst isoliert – ohne den Zeitdruck des Gesamtflusses – eingeübt. Erst wenn die Einzeltechnik sitzt, wird sie in die Kata integriert.
Kata-Curriculum im Überblick
| Waffe | Kata-Reihe | Ab Grad |
|---|---|---|
| Bo | Fukyugata · Choun No Kun · Shiu Shi No Kun · Sakugawa No Kun · und weitere | 5. Kyu bis Rokudan |
| Sai | Ni Chou Sai · San Chou Sai · Shimbaru No Sai | Shodan bis Rokudan |
| Tunkwa | Tunkwa Ichi · Tunkwa Ni · Tunkwa San | Shodan bis Godan |
| Nunchaku | Nunchaku No Kata · Nunchaku Ni | Sandan bis Godan |
| Jo | Jo No Kata | Nidan |
| Eku | Chikin Akachu No Ekudi | Yondan |
| Nunti, Kama, Tekko | Nunti No Kata · und weitere | Yondan bis Rokudan |
Kobudo parallel zum Karate
Kobudo wird in der Budo Akademie München begleitend zum Karate-Training angeboten. Warum lohnt das?
- Koordination: Jede Waffe stellt andere Anforderungen an Griffkraft, Timing und Raumgefühl. Wer Bo beherrscht, entdeckt beim Sai-Training Lücken in seinem Körpergefühl – und schließt sie.
- Kraftentwicklung: Bo-Training stärkt Griffkraft und Rumpfstabilität. Sai-Training fordert die Unterarme außergewöhnlich. Kobudo ist funktionales Krafttraining, eingebettet in Tradition.
- Vollständigkeit der Tradition: Die alten Meister sahen Karate und Kobudo wie Vater und Mutter. Ein Teil ohne den anderen ist unvollständig.
- Zweites Prüfungssystem: Matayoshi-Ryu Jinbukan Kobudo hat ein eigenständiges Graduierungssystem. Bo-Fukyugata wird ab 5. Kyu geprüft. Für Karatekas ohne Kobudo-Vorerfahrung ist der Einstieg jederzeit möglich.
Kobudo selbst erleben: Beim Probetraining ist Kobudo-Training auf Anfrage möglich. Wer schon Karate hier übt, kann parallel einsteigen.